Achtsamkeit als Weg aus der Angst?

Kennt ihr dieses beklemmende, ungute Gefühl? Eure Gedanken drehen sich nur im Kreis und es scheint, als laste das Gewicht der ganzen Welt auf euren Schultern. Der Körper verfällt in eine Starre. Das Atmen fällt schwer. Ihr wollt einen Ausweg finden, doch wie? Logisches Handeln oder Denken? – schwierig. Denn die Angst hat nun die Zügel in der Hand.

 

Angst und Angststörungen

Angst ist eine Emotion, mit der wir alle schon einmal zu tun gehabt haben, manche mehr andere weniger. An und für sich ist Angst ja auch nichts Schlechtes, vielmehr fungiert sie als persönliches Gefahrenfrühmeldesystem, das uns beschützen soll. Doch wenn sie plötzlich beginnt, unsere Gedanken und unser Leben zu beherrschen, wenn sie unser Handeln bestimmt und lenkt, dann wird sie zu einem Problem. Angststörung heißt dann meist die Diagnose, von der allein in Deutschland rund 12 Millionen Menschen betroffen sind [1].

Angststörungen sind vielfältig: Panikstörung, Agoraphobie, Generalisierte Angststörung, soziale Angststörung oder spezifische Phobien [2], um nur die wichtigsten Formen zu nennen. Die psychotherapeutischen Behandlungsansätze sind dabei ebenso vielfältig. Die Deutsche-Angsthilfe E.V. listet sechs Therapieformen auf, unter die auch die sogenannten Entspannungsverfahren fallen, das heißt: Yoga, Mediation, Atementspannungen, Progressive Muskelentspannung, Imagination und Autogenes Training [3]. 

Zu diesen Entspannungsverfahren zählt auch die Praxis der Achtsamkeit, bei der es in Bezug auf psychische Probleme – im Besonderen hier die Angst – u.a. darum geht, Grübelschleifen rechtzeitig zu erkennen und eine neue Haltung gegenüber „automatisierten, gedanklich-emotionalen Mechanismen“ zu entwickeln [4].

 

Was sagt die Wissenschaft?

Es ist nicht so, dass die Auswirkungen der Achtsamkeitspraxis auf die Psyche nur auf vagen Aussagen oder Spekulationen beruhen. Vielmehr fundieren sie auf wissenschaftlich durchgeführten Studien und Erfahrungsberichten, die die Wirksamkeit u.a. auch der MBSR-Programme nachweisen [5].

Studie 1: Participant experiences of change in mindfulness-based stress reduction for anxiety disorders (Schanche et al., 2020)

In Norwegen wurde 2020 so z.B. eine Untersuchung durchgeführt, die sich mit der Wirkung eines MBSR-Kurses auseinandersetzte. 76 Freiwillige zwischen 18 und 65, welche an diagnostizierten Angststörungen (Panikstörung, Agoraphobie, soziale Phobie, generalisierte Angststörung) litten, nahmen an der Studie teil. Acht Wochen lang trafen sie sich für etwa zwei Stunden in Gruppen von 15-20 Personen und nahmen an dem MBSR-Trainingsprogramm teil; zusätzlich wurden die Teilnehmenden mit individuellen täglichen Aufgaben betraut, die sie Zuhause ausführen sollten. Einen Monat nach Ende des Kurses wurden zufällig 16 TeilnehmerInnen für ein Interview ausgewählt, in dem sie über ihre Erfahrungen und die Veränderungen, die der Kurs in ihrem Leben gebracht hat, berichten sollten. 

Die Ergebnisse spiegelten dabei viel Positives wider. So berichteten die Teilnehmenden etwa davon, dass sie dank der erlernten Techniken nun etwas Sinnvolles in der Hand hätten, um die Angst anzugehen. Weiterhin sei das Gefühl von innerer Ruhe präsenter (weniger Angstattacken) und das Hier-und-Jetzt könnte bewusster erfahren werden. Auch wenn sich bei einigen Teilnehmenden keine sofortige Besserung der Symptome gezeigt hat, so konnten sie nichtsdestotrotz einen Nutzen aus den im Kurs erlernten Übungen und Hilfsmitteln ziehen [6].

Studie 2: Effects of an eight-week, online mindfulness program on anxiety and depression in university students during Covid-19: A randomized controlled trial (Simonsson et al., 2021)

Die Effekte eines Achtsamkeitskurses in Bezug auf die Symptome von Angst und Depression wurden 2021 während der globalen COVID-19 Pandemie in England untersucht. Teilnehmende waren dabei Studierende der Oxford-Universität. Der Kurs wurde online via Zoom (vier Kurse mit je 15-29 Personen) angeboten und basierte auf dem Buch Mindfulness: a Practical Guide to Finding Peace in a Frantic World (Williams & Penman, 2011); weiterhin wurde den TeilnehmerInnen nahegelegt, auch außerhalb des Kurses ca. 20-30 Minuten pro Tag eigenständig Achtsamkeit zu praktizieren. Aus den Datenanalysen der ProbandInnen, die ihre Angst- und Depressionssymptome über den Verlauf des Kurses beurteilen sollten, zeigte sich eine deutliche Reduzierung der Angstsymptome. Die Studie kam somit zu dem Schluss, dass durch Achtsamkeit positiv auf die mentale Gesundheit (Studierender) eingewirkt werden kann, gerade auch im Rahmen globaler Herausforderungen wie einer Pandemie [7].

 

Ist Achtsamkeit nun also ein Weg aus der Angst?

Die Studien haben gezeigt, dass durch Achtsamkeit der Umgang mit Angst erleichtert und damit die mentale Gesundheit der Betroffenen verbessert werden kann. Jedoch sollte man, wie Michalak et al. es ausdrücken, Achtsamkeit nicht als „Allheilmittel“ betrachten; vielmehr ist sie eine Möglichkeit positive Veränderungen in unserem Leben zu bewirken [8]. 

In diesem Sinne ist Achtsamkeit also kein Weg aus der Angst, sondern ein Hilfsmittel auf dem Weg – eine Art Wanderstab, der Stütze und Halt auf dem beschwerlichen Weg aus der Angst geben kann.

Geschrieben von Carina

Quellen:

[1] Angst – Faktenblatt. Verfügbar unter: https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/1d064ad694a050f6ace4a1b84ddee6ff92e2a270/2017-05-04_3Themendienst_Faktenblatt.pdf [Abruf: 09.11.2021].

[2] Michalak, Johannes/ Meibert, Petra/ Heidenreich, Thomas (2018). Achtsamkeit üben. Hilfe bei Stress, Depression, Ängsten und häufigem Grübeln. Göttingen: Hogrefe Verlag. S.17-18.

[3] Deutsche Angst-Hilfe E.V. Therapieformen. Verfügbar unter: https://www.angstselbsthilfe.de/angststoerungen/therapieformen/ [Abruf: 09.11.2021].

[4] Michalak, Johannes/ Meibert, Petra/ Heidenreich, Thomas (2018). Achtsamkeit üben. Hilfe bei Stress, Depression, Ängsten und häufigem Grübeln. Göttingen: Hogrefe Verlag. S.45-46. 

[5] Michalak, Johannes/ Meibert, Petra/ Heidenreich, Thomas (2018). Achtsamkeit üben. Hilfe bei Stress, Depression, Ängsten und häufigem Grübeln. Göttingen: Hogrefe Verlag. S.55.

[6] Schanche, Elisabeth/ Vøllestad, Jon/ Binder, Per-Einar/ Hjeltnes, Aslak/ Dundas, Ingrid/ Nielsen, Geir Høstmark (2020). Participant experiences of change in mindfulness-based stress reduction for anxiety disorders. Verfügbar unter: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7482889/ [Abruf: 09.11.2021].

[7] Simonsson, Otto/ Bazin, Olivier/ Fischter, Stephen D./ Goldberg, Simon B. (2021). Effects of an eight-week, online mindfulness program on anxiety and depression in university students during Covid-19: A randomized controlled trial. Verfügbar unter: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34601450/ [Abruf: 09.11.2021]. 

[8] Michalak, Johannes/ Meibert, Petra/ Heidenreich, Thomas (2018). Achtsamkeit üben. Hilfe bei Stress, Depression, Ängsten und häufigem Grübeln. Göttingen: Hogrefe Verlag. S.61.

 

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