Achtsam Nachrichten konsumieren

„Ein Grund wieso Katzen glücklicher sind als wir ist, dass sie keine Zeitungen haben.“

– Gwendolyn Stacy

 

Die Welt in unseren Händen

Spätestens seit dem ersten Aufkommen von sozialen Massenmedien sind Nachrichten allgegenwärtig. Waren sie im 20. Jahrhundert noch in Form der Morgenzeitung oder der Abendnachrichten an feste Zeiten gebunden können wir heute jederzeit auf unserem Smartphone im Internet nachsehen, ob gerade irgendwo auf der Welt etwas passiert ist. Und in einer globalisierten, vernetzten Welt von bald 8 Milliarden Menschen passiert immer irgendwo irgendetwas. Die Anzahl an möglichen Nachrichten ist demnach fast unendlich. Und das wird zunehmend zum Problem.

Allein die schiere Menge an News die täglich, stündlich auf uns einprasselt, kann uns überfordern. Aber es ist vor allem der Inhalt, der uns Menschen in den heutigen Tagen an die Substanz geht: Verbrechen, vom Raub bis zum Krieg; politische Dramen; Unglücke und Naturkatastrophen; persönliche Schicksalsschläge und Tragödien von sogenannten Stars, welche von Boulevardmedien für Klicks und Likes ausgeschlachtet werden. Wie soll man da noch bei Verstand bleiben?

 

Scrollen durch Untergänge

Die täglichen Nachrichten Anfang der 2020er Jahre sind geprägt von der COVID-19-Pandemie. Wohin man schaut, liest man von Todeszahlen, Ansteckungswellen und Verschwörungstheorien. Warum setzen wir uns dem aus? Ganz einfach: Wir wollen informiert bleiben. Wir wollen keine neuen Entwicklungen verpassen, keine neuen Erkenntnisse übersehen, da gut informiert zu sein uns ein Gefühl von Sicherheit gibt. Daher suchen wir vor allem nach negativen News, um über Bedrohungen informiert zu bleiben und uns dadurch besser schützen zu können. [2] Aber wie Maren Urner, Neurowissenschaftlerin und Medienpsychologin, erklärt, können wir gar nicht alle Informationen verarbeiten, sodass wir am Ende schlechter informiert sind als zuvor, und gleichzeitig überfordern wir unser Gehirn mit permanentem sensory overload – kurz, wir sabotieren uns in unserer Recherche selbst. [1] Unser Gehirn filtert zusätzlich bewusst negative oder bedrohlich wirkende News heraus, im Versuch uns zu schützen. Diese Kombinationen aus Stressfaktoren nennt man Doomscrolling (geprägt vermutlich 2018 auf Twitter).

Dieser exzessive Konsum negativer Nachrichten kann ernsthafte Folgen für die menschliche Gesundheit haben: Vor allem Menschen, welche bereits mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen haben, können durch den von negativen News vermittelten Stress ernsthafte Schäden davontragen. Besonders belastet sind Menschen mit Angst- oder Panikstörungen. Sie geraten in einen Teufelskreis, bei dem sie aus Angst versuchen Kontrolle über die Situation zu erlangen, in dem sie sich exzessiv über negative Ereignisse informieren, was zu zusätzlicher Angst führt. Doomscrolling kann aber jedem schaden: Laut einer Studie im Jahr 2013 litten Menschen, die sechs oder mehr Stunden lang die Berichterstattung über den Anschlag auf den Boston konsumierten, mehr unter akutem Stress als direkte Zeugen des Anschlags selbst. [2] Und wie Studien wieder und wieder gezeigt haben, ist Stress eines der größten Gesundheitsrisikos des 21. Jahrhunderts.

 

Achtsame Lösungsansätze, anhand von Sport erklärt

Man sollte News konsumieren ähnlich behandeln wie Sport: Eine gewisse Dosis davon ist gesund, aber wer es übertreibt schadet seiner Gesundheit, und das möglicherweise langfristig. Daher: Ein festes Zeitkontingent für Newskonsum einplanen. Sport funktioniert gut als Teil einer Routine, mit den News könnte ich es genauso tun, in dem ich beispielsweise nur die Abendnachrichten schaue und auf Newsticker verzichte. Sport sollte man außerdem nur treiben, wenn man sich fit fühlt. Wenn ich merke, dass ich mich nicht wohl fühle, weil ich so schon gestresst und überfordert bin, keine News konsumieren.

Ich achte auf meine Bedürfnisse, ob ich mir potenzielle negative Nachrichten heute zumuten kann, und wenn nicht, dann nicht. Wenn ich beim Sport merke, dass etwas wehtut, höre ich auf und gönne mir eine Pause. Genau das tue ich auch, wenn ich merke, dass mir Nachrichten lesen auf den Magen schlägt. Und statt mich aufzuregen, was ich noch nicht kann, kann ich stolz darauf sein, was ich bereits geschafft habe. Und statt Angst vor News zu haben, könnte ich dankbar für die sein, die mich nicht betreffen oder einen positive Wendung darstellen.

Und warum sollte ich Sport treiben, der mir keinen Spaß macht, und stattdessen nicht einen der es tut? Und warum News konsumieren, die mich runterziehen? Statt sich die zehnte Aktualisierung des Newstickers anzusehen, der mir dasselbe erzählt wie der neunte, könnte ich auch gezielt nach guten Nachrichten suchen, um dem ängstlichen Kontrollzwang entgegenzuwirken! Tun kann ich das beispielsweise bei The Happy Newspaper, oder indem ich #goodnews oder ähnliches auf Instagram abonniere, oder einfach auf Google oder Youtube nach wholesome/happy/good news suche. [3]

Generell gilt: Sich zu informieren ist nicht falsch, im Gegenteil, es ist unerlässlich. Sich nur negativ zu informieren ist jedoch nicht zielführend, denn auch wenn wir in einer Welt voller Krieg, Krankheiten und Ungerechtigkeit leben, besteht die Welt nicht nur daraus. Und selbst wenn sie es täte, kann uns niemand zwingen, sich rund um die Uhr damit beschallen zu lassen. Denn damit wäre niemandem geholfen. All diese schrecklichen Ereignisse, an denen wir erstmal nichts ändern können, gehen weiter, ob wir über sie informiert sind oder nicht. Die Welt ist viel zu bunt und vielseitig, um sie nur durch die Linse negativer News zu betrachten. Immer up to date sein gibt uns nicht die Kontrolle, die wir gerne hätten, also können wir genauso gut eine Story über die Initiative Housing First, die wohnungslosen Menschen kostenlos eine Wohnung zur Verfügung stellt lesen. Darüber haben wir zwar auch keine Kontrolle, aber wenigstens bringt es uns zum Lächeln.

 

Geschrieben von Flo

[1] Ukraine-Krieg und Medien: Unsere Vorliebe für das Negative und Sensationelle – WELT

[2] „Doomscrolling“: Wie schlechte Nachrichten für uns zum Stressfaktor werden – WELT

[3] What Is Doomscrolling? (verywellmind.com)

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Antworten

*Bitte kläre vorab mit deiner Krankasse ab, wie viel und ob sie den Kurs bezuschussen. Das kann je nach Krankenkasse variieren. Angaben ohne Gewähr.