Toxic Mindfulness – ein achtsamer Blick auf den Achtsamkeits-Hype

“Schließe deine Augen für eine Minute und werde dir deines Atems bewusst. Einatmen und langsam wieder ausatmen…”So kann eine typische Anleitung klingen, um sich in Achtsamkeit zu üben. Achtsamkeitstechniken wie stille Meditation und Yoga sind auf dem besten Weg, Tischtennisplatten und Barista-Kaffeemaschinen im hippen Arbeitsumfeld von Startups und Firmen den Rang abzulaufen. Und das nicht nur, weil in Zeiten von Home-Office keiner im Büro ist, um ein Match zu spielen oder eine Tasse zu trinken. Ein Blick in einen der vielen Achtsamkeits-Ratgeber verspricht vielfältige positive Folgen von Achtsamkeitstrainings: Achtsamkeit bringt „mehr Ruhe und Entspannung, mehr Energie und Lebensfreude, ein höheres Maß an Selbstvertrauen und -akzeptanz, geringere Anfälligkeit gegenüber Stress, Depression, Angst, chronischen Schmerzen, Suchtverhalten und Immunschwäche“, und nicht zuletzt stärkt Achtsamkeit das „Mitgefühl mit sich selbst und anderen Menschen,“ (Collard 2016, S. 7). Diese positiven Auswirkungen können auch tatsächlich durch empirische Studien gestützt werden. Gemessen an der enorm gestiegenen Zahl der wissenschaftlichen Publikationen (mittlerweile weit über 1000; Van Dam et al. 2018), hat sich Achtsamkeit in den letzten zwanzig Jahren in der psychologischen Forschung zu einem hot topic entwickelt. Es scheint kaum ein Problem zu geben, zu dessen Lösung Achtsamkeit nicht beitragen kann – und das sogar wissenschaftlich fundiert (Schindler, 2020).

Auch in der breiten Öffentlichkeit ist Achtsamkeit schwer angesagt: Ganze Zeitschriften (wie beispielsweise Flow oder Happinez) widmen sich diesem Thema. Sucht man mit Google nach Videos zu „Achtsamkeit“, werden über 150.000 Treffer angezeigt – zu „mindfulness“ sind es über 16 Mio. Eine Suche über Thalia.de zu „Achtsamkeit“ in der Rubrik „Ratgeber“ ergab knapp 700 Treffer – davon erschienen allein in den letzten drei Jahren jährlich mehr als 150 Bücher. Eine Achtsamkeits-App (Calm) war die Apple App des Jahres 2017. In Psychotherapien wird Achtsamkeit angewandt, Krankenkassen empfehlen mehr Achtsamkeit, an Schulen und im Militär wird Achtsamkeit kultiviert, und große Unternehmen (wie SAP, Nike oder Google) bieten Achtsamkeitstrainings für ihre Beschäftigten an. 

Warum Achtsamkeit gut ist und eine Berechtigung hat

Begonnen hat alles mit dem amerikanischen Molekularbiologen Jon Kabat-Zinn Ende der Siebzigerjahre. Aus buddhistischer Meditation (Vipassana), Yoga und Zen formte er ein Programm, das Menschen ursprünglich einfach helfen sollte, besser mit Stress umzugehen. Es enthält eine Sitzmeditation, eine Körperübung, die man Bodyscan nennt und Yogaelemente. Und er gab dem Ganzen einen neuen Namen: “Stressreduktion durch Achtsamkeit, kurz MBSR (aus dem Englischen: mindfulness-based stress reduction), worüber wir auch schon in anderen Blogeinträgen einiges erfahren durften. 

Achtsamkeit an sich ist also überhaupt nicht verkehrt, im Gegenteil. Sehr vielen Menschen tut es unheimlich gut, sich in Achtsamkeit zu üben und zu trainieren, sich selbst zu spüren. Dass beispielsweise Yoga dabei helfen kann, den Kopf freizubekommen und Rückenschmerzen zu reduzieren, ist nur eine von vielen positiven Nebenwirkungen. Zu spüren, was einem gut tut, ist ausgesprochen wichtig. Wir leben in einer komplexen, hektischen Welt, in der wir überwiegend beigebracht bekommen, wie wir uns benehmen, funktionieren, mithalten und hineinpassen. Achtsamkeit kann uns davor bewahren, uns selbst in diesem Trubel zu verlieren. Nur ist sie eben nicht das Allheilmittel, als das sie manchmal erscheint oder angepriesen wird. Für einige Probleme sind Atemübungen, Lebenskreise malen und Meditieren einfach keine Lösungen. Und manche Probleme verschlimmern solche Achtsamkeitsrituale unter Umständen sogar, wie unter anderem der Psychologe Jason Linder in einem Artikel für Psychology today schreibt.

Meditation kann psychische Störungen verschlimmern

“Es wird weitestgehend ignoriert, dass bereits in mehr als 20 veröffentlichten Berichten oder Studien Achtsamkeits- oder Meditationserfahrungen beschrieben wurden, die so ernst oder beängstigend waren, dass sie eine zusätzliche Behandlung oder medizinische Aufmerksamkeit nach sich zogen”, so Jason Linder.Insbesondere bei Menschen mit Traumata und Depressionen könne Meditation – zum Beispiel aufgrund von Flashbacks oder einer noch intensiveren, überwältigenden Wahrnehmung der inneren Vorgänge – zu einer Verschlechterung ihrer mentalen Gesundheit führen.Auch bei anderen psychischen Störungen sei nicht auszuschließen, dass Achtsamkeitsübungen negative Auswirkungen auf einige Menschen haben. Die American Psychological Association ebenso wie das US-amerikanische National Institut of Health (NIH) wiesen dem Psychologen zufolge in offiziellen Publikationen ausdrücklich darauf hin, dass Meditation gewisse “psychiatrische Probleme” verschlimmern könne. Bei einer akuten Depression beispielsweise sollte man immer zuerst ein Arzt aufsuchen und mit diesem über die Möglichkeiten der Meditation im Rahmen eines therapeutischen Ansatzes sprechen. Während es bei chronisch depressiven Zuständen gut ist, durch Achtsamkeit seinen Zustand schnellstmöglichst zu erkennen und gegenzusteuern, kann bei Menschen mit akuten Depressionen der „Blick nach innen“ eine verstärkte Wahrnehmung der depressiven Symptome auslösen. Für Menschen mit einer Abhängigkeit ist Meditation ebenfalls nicht sinnvoll. Nur um Rückfällen vorzubeugen oder am Ende einer Therapie, wenn die Abhängigkeit abgebaut ist, kann sie wieder ausgeübt werden. Auch hier sollte ein Wunsch zur Meditation in jedem Fall mit dem Arzt und/oder Therapeuten abgeklärt werden.

Achtsamkeit allein löst die meisten Probleme nicht

Selbst wenn wir keine traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten haben und bei uns keine psychische Störung diagnostiziert wurde, ist es unwahrscheinlich, dass wir allein durch Achtsamkeit glücklicher und entspannter werden. Sicher wird es vielen Menschen gut bekommen, Rituale in ihren Alltag zu integrieren, die sie in einen Austausch mit sich selbst führen. Journaling, Atemübungen, meditieren, regelmäßige Pausen einlegen – das Tempo rauszunehmen und nachzufühlen, was eigentlich in der eigenen Seele los ist, kann in zahlreichen Fällen, das Lebensgefühl verbessern und sich positiv auf die Selbstwahrnehmung oder Zufriedenheit auswirken.

Doch nur, weil ich im Zuge meiner Achtsamkeitsübungen feststelle, dass mein Partner weniger in unsere Beziehung investiert als ich, wird sich daran nichts ändern. Indem ich jeden Morgen zehn Minuten meditiere, verhindere ich nicht zwangsläufig, dass mich mein Job überfordert und ins Burnout treibt. Wenn mir immer mehr Aufgaben aufgeladen werden und ich beispielsweise nicht Nein sagen kann, ist es mit einem Achtsamkeitsritual eben nicht getan.

Übertriebene Achtsamkeit kann uns die Leichtigkeit nehmen

Übertreiben wir es mit der Achtsamkeit, besteht die Gefahr, dass wir uns das Leben schwerer und komplizierter machen als nötig und uns dadurch selbst ausbremsen. Nehmen wir einmal unsere Gefühle als Beispiel. Es stimmt natürlich, dass all unsere Emotionen einen Sinn haben und eine Funktion erfüllen, deshalb ist es wichtig, sie zu spüren und auf sie einzugehen. Doch wir müssen nicht bei jedem emotionalen Impuls aufspringen und eine Atemübung machen oder seitenweise darüber in unser Tagebuch schreiben. Wir müssen nicht jede Stimmungsschwankung verstehen, damit wir psychisch gesund bleiben und am nächsten Tag wieder ausgeglichen und gut gelaunt aufwachen können. Manches können wir auch getrost an uns vorbei ziehen lassen.

Fazit: Nicht allen ist mit Mindfulness geholfen

Achtsamkeit ist für sehr viele Menschen ein geeignetes Mittel, um schöne Dinge ebenso wie Probleme in ihrem Leben besser wahrzunehmen und bewusster und reflektierter mit sich selbst umzugehen. Das möchte ich mit diesem Blogbeitrag auch gar nicht bestreiten. Es ist nur wichtig, Dinge auch manchmal kritisch zu hinterfragen und auch mal einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Fakt ist, für psychisch belastete, beziehungsweise Personen können gewisse Achtsamkeitsübungen gefährlich sein und dazu führen, dass sich ihr gesundheitlicher Zustand verschlechtert. Mir ist es wichtig auch die Gefahren des Achtsamkeitshypes anzusprechen, da darüber niemand wirklich zu sprechen scheint. Um Probleme wirklich zu lösen und glücklicher zu werden, brauchen wir in der Regel neben Achtsamkeit weitere Strategien und Fähigkeiten, zum Beispiel Selbstreflektion, ein halbwegs stabiles Selbstwertgefühl, Erfahrung und vieles mehr. Zu guter Letzt gilt genau wie bei den meisten Dingen im Leben auch für Achtsamkeit: Wir können es damit durchaus übertreiben und dadurch neue Probleme in die Welt setzen, die nicht unbedingt da sein müssten. Wie das eben so ist mit Hypes. Ich finde es schade, dass Achtsamkeitsinhalte immer weiter verkürzt werden und auf Socialmedia inzwischen oft als Glück-to-Go zu finden sind. Gleichzeitig finde ich, Achtsamkeit sollte nicht noch größer gemacht werden, als sie ist. Achtsamkeit ist schon groß genug und muss nicht auch noch alle Krankheiten heilen und Weltfrieden bringen. Auch wenn ich mir aktuell wünschen würde, dass es so wäre.

 

geschrieben von Verena Peipe

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Antworten

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  1. Hi Verena,
    sehr interessanter kritischer Beitrag!
    Weiterer kritischer Aspekt von mir zu dem Achtsamkeitshype:
    Habe bei meinen Schülern erlebt, wie sie sich über die Jahre hinweg immer selbstzentrierter als “Mittelpunkt der Welt” begreifen und dabei die Kompetenzen zum sozialen Miteinander auf der Strecke bleiben!
    Fokus auf Achtsamkeit kann diese übertriebene Selbstzentrierung nach meinem Gefühl möglicherweise noch befördern!?

  2. Schön, dass das Thema auch mal kritisch betrachtet wird und nicht immer weiter blind in den Himmel gelobt wird!