Theorie-Input: Der Autopilot
Mit einer Freundin telefonieren, den Abwasch erledigen, nebenbei den News-Ticker für die aktuellsten Ereignisse verfolgen und dazu auch noch die Kinder beaufsichtigen. Multitasking erfährt in unserer Gesellschaft hohe Anerkennung und ist oft eine gefragte Qualität in Führungspositionen. Zu Unrecht?
Multitasking
Die Antwort ist ein klares Ja! Eine Studie der Stanford University hat bewiesen: Wer mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigt, ist weniger produktiv. Nach Unterbrechungen benötigen wir ungefähr eine Viertelstunde, um wieder voll konzentriert zu sein. Wechseln wir also zwischen mehreren Aufgaben hin und her, könnten wir den einzelnen Tätigkeiten so gut wie nie unsere ganze Aufmerksamkeit widmen.
Das erscheint gerade im heutigen Zeitalter mit viel E-Mail-Verkehr und anderweitigen Unterbrechungen durch Anrufe und Ähnliches paradox. Meistens geht es uns darum, möglichst viele Dinge in möglichst kurzer Zeit zu erledigen. Wir müssen besonders produktiv sein und unsere Kapazitäten völlig ausschöpfen, sowohl im Berufs- als auch im Privatleben.
Routinen
Aus diesem Grund schaffen wir Routinen. Sie sind für den automatischen Ablauf von bestimmten Tätigkeiten verantwortlich. So verwenden wir beispielsweise keine Zeit dafür, das Ein- und Ausatmen zu koordinieren. Ebenso wissen wir beim Autofahren automatisch, welches Pedal wofür zuständig ist und dass wir an einer roten Ampel bremsen sollten. In diesen Fällen ist ein automatischer Ablauf sinnvoll und überlebensnotwendig. Informationen und Vorgänge, Umwelteinflüsse und Geräusche kommen bei uns gefiltert an, um das Gehirn und den Körper zu entlasten und die dadurch ersparte Energie anderweitig einzusetzen. Wir können schneller reagieren und die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment lenken.
Der Autopilot
Diese Programmierung kann allerdings auch schnell auf den Alltag überspringen: wir kreieren unterbewusst Routinen für den Morgen, das Einkaufen, Wäsche waschen und automatisieren diese Prozesse. Wir erledigen die einzelnen Dinge monoton nacheinander und fahren quasi in einem Autopilot-Modus.
Der Autopilot beruht auf einem Konzept des Achtsamkeitsbegründers Jon Kabat-Zinn. Er lässt sich als automatisierte, programmierbare Steuerungsanlage verstehen, die die Aktivitäten des Alltags koordiniert und organisiert. Durch das Schematisieren benötigt das Bewusstsein, welches fortlaufend nach Abwechslung verlangt, eine neue Aufgabe und verlagert die gewonnene Energie in Gedanken, die andere Dinge betreffen. Wir schweifen ab, hängen an Erinnerungen fest und malen uns die Zukunft aus, während der gegenwärtige Moment mechanisch abgehandelt wird, ohne ihm große Aufmerksamkeit zu widmen.
Meist springt der Geist dabei unstet von Objekt zu Objekt; uns fällt es schwer, sich auf eine Sache zu fokussieren und die Aufmerksamkeit zu bündeln. Dieses Phänomen nennt man im Yoga oder im Buddhismus Affengeist oder auch „monkey mind“.
Diese unaufhörlich wechselnden Gedanken und Gefühle beanspruchen allerdings einen großen Anteil unserer Energie und hindern oder verringern aufgrund der inneren Geschäftigkeit die Erfahrung von Augenblicken der Zufriedenheit und Ruhe zum jeweiligen Zeitpunkt.
Wechselwirkungen der Gedanken und des Körpergewahrseins
Die ablenkende Macht der Gedanken überlagert die Wahrnehmung der Gegenwart, insbesondere in Krisensituationen und während emotionalen Aufruhres. Durch die fehlende Aufmerksamkeit auf dem gegenwärtigen Moment achten wir außerdem weniger auf Signale unseres Körpers. Sie zählen zu den wichtigsten Indikatoren für den Gesundheitszustand und das Wohlbefinden. Während der Autopilot uns durch eine bestimmte Situation leitet, vernachlässigen wir Symptome von Stress, Überbelastung und -anstrengung und übersehen die Bedürfnisse des Körpers.
Ein eingeschränktes Körperbewusstsein hat schwerwiegende Auswirkungen. Durch eine Desensibilisierung reagieren wir nicht richtig. Muskeln können sich nicht vollständig entspannen und verhärten somit. Schlimmstenfalls entstehen dadurch chronische Verspannungen in Muskelgruppen der Schultern, im Kiefer oder hinter der Stirn.
Achtsamkeit vs. Autopilot
Diesem Prozess kann man mit Achtsamkeit entgegenwirken. Hierbei geht es vor allem darum, eine Erinnerung zu schaffen, dass man sich im automatischen Funktionsmodus befindet. Durch das Bewusstmachen kann man die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment zurückführen und sensibler auf die Bedürfnisse des Körpers eingehen. Mithilfe der Aufmerksamkeitsverlagerung können Impulse an die Muskeln gesendet werden, um Verspannungen zu lösen.
Der Autopilot-Modus wird somit durch gezieltes Trainieren und Lenken der Aufmerksamkeit auf die Gegenwart gestoppt. Die Erinnerung an ein aufmerksames Beobachten der aktuellen Situation unterstützt das Kultivieren von Offenheit und Präsenz, die für ein erweitertes Verständnis der Selbstwahrnehmung notwendig sind. Somit ist es letztendlich möglich, den gegenwärtigen Moment intensiver wahrzunehmen und sich auf die jeweilige Tätigkeit zu konzentrieren, den Fokus beizubehalten und damit Erschöpfung entgegenzuwirken und Ausgeglichenheit zu fördern.
