Achtsamkeit in der Schule – Stressfreies Lernen und Lehren

Mathematik, Deutsch und Biologie – Schulfächer, mit denen jedes Kind täglich zu tun hat. Aber was wäre, wenn auch Achtsamkeit ein fester Bestandteil des Schulalltags werden würde? Welche Auswirkungen hätte dies auf SchülerInnen, Lehrpersonen und das Klima im Klassenzimmer?

Viele Kinder und Jugendliche leiden unter dem Stress und dem Leistungsdruck, der in der Schule auf ihnen lastet. Aber auch Lehrpersonen zeigen immer häufiger Burnout-Symptome und sind emotional erschöpft. Achtsamkeitsübungen, die regelmäßig in den Schulalltag eingebaut werden, können sowohl SchülerInnen als auch LehrerInnen erwiesenermaßen dabei helfen, mit diesen Belastungen besser umzugehen.

Achtsamkeitsübungen mit Kindern und Jugendlichen

Auf die Frage, wann man beginnen sollte, Kinder an Achtsamkeitsübungen heranzuführen, gibt es keine eindeutige Antwort. Die Hirnforschung legt nahe, dass Kinder ab einem Alter von etwa 11 Jahren zunehmend in der Lage zu Selbstreflexion und Selbststeuerung sind [1]. Für jüngere Kinder eignen sich deshalb eher spielerische Herangehensweisen. Zum Beispiel können sie sich ein Stofftier auf den Bauch legen und sich auf ihren Atem konzentrieren, indem sie beobachten, wie sich das Stofftier auf und ab bewegt. Da die Aufmerksamkeitsspanne von Kindern deutlich kürzer ist als die von Erwachsenen, sollten die Übungen kürzer sein und dafür häufiger wiederholt werden. Wichtig ist außerdem ein altersgerechter Sprachgebrauch. Mit zu abstrakten Anweisungen können Kinder in diesem jungen Alter noch nichts anfangen. Deshalb sollte einfach und klar erklärt werden, was die Kinder machen und worauf sie achten müssen. Am Ende des Artikels stellen wir einige Achtsamkeitsübungen vor, von denen sich einzelne auch an jüngere Kinder richten.

Mit Jugendlichen, die älter als 11 Jahre sind, können auch abstrakte Übungen durchgeführt werden. Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren leiden häufig unter schulischem Leistungsdruck und der psychischen Belastung, die die Pubertät mit sich bringen kann [2]. Gerade für SchülerInnen in diesem Alter bietet es sich deshalb besonders an, Achtsamkeitsübungen in den Schulalltag zu integrieren. 

AISCHU – Achtsamkeit in der Schule

AISCHU (Achtsamkeit in der Schule) ist ein erfahrungsbasiertes Lernkonzept, welches die Pädagogin Vera Kaltwasser entwickelte. Dabei wurden die Inhalte des klassischen MBSR-Konzepts (mindfulness-based stress reduction) nach Jon Kabat-Zinn adaptiert und in Form von Achtsamkeitsphasen in den normalen Schulunterricht integriert [3]. Diese Achtsamkeitsphasen bestehen aus 10-15-minütigen Abfolgen von Achtsamkeitsübungen, die auf das Alter der Kinder angepasst und dreimal pro Woche wiederholt werden. Die Übungen sind teilweise dem Qigong entlehnt (stille und bewegte Übungen), beinhalten aber auch Techniken der Reflexion von habitualisierten Denk- , Fühl- und Verhaltensmustern sowie psychoedukative Anteile. 

Sie haben zum Ziel, die Selbstwahrnehmung zu verfeinern, ihre persönlichen inneren und äußeren Stressoren ausfindig zu machen und Möglichkeiten kennenzulernen, sich selbst zu beruhigen. Darüber hinaus sollen die Kinder üben, ihre Konzentration länger zu halten und ihre Aufmerksamkeit selbsttätig zu steuern [4].

In einer Pilotstudie aus dem Jahr 2012 wurde die Wirksamkeit dieses Konzepts in einer 5. Klasse an einem Gymnasium in Frankfurt am Main untersucht. Nach 5 Monaten zeigte sich, dass die Aufmerksamkeitsleistung sowie die emotionale Selbststeuerung der Kinder zugenommen haben. Außerdem verbesserte sich ihre Introspektionsfähigkeit, was bedeutet, dass Gefühle wie Ärger, Trauer und Angst besser unterschieden werden können [5]. 

Positive Effekte von Achtsamkeit für Lehrpersonen

Damit solch ein Konzept funktionieren kann, müssen aber auch die Lehrkräfte entsprechende Schulungen und Weiterbildungen erhalten. Nicht nur Kinder leiden unter Druck und Stress, sondern auch die LehrerInnen. Diese Belastung hat durch die Corona-Krise deutlich zugenommen und macht das Thema damit aktueller denn je. In einer Studie, die Ende 2020 mit 2300 Lehrkräften in NRW durchgeführt wurde, gaben 60% der Befragten an, dass sie das Unterrichten als deutlich anstrengender empfinden als im Vorjahr. 28% sprechen sogar von einer ausgeprägten emotionalen Erschöpfung [6]. Achtsamkeit für Lehrpersonen gewinnt deshalb immer mehr Bedeutsamkeit. 

Nachdem die positiven Effekte des AISCHU-Programms bei SchülerInnen nachgewiesen werden konnten, wurde auch für Lehrkräfte das Konzept „Achtsame Acht Wochen“ entwickelt. Beide Komponenten wurden dann zu einem Gesamtkonzept zusammengefügt und es entstand ein einjähriges Weiterbildungsprogramm (ebenfalls unter dem Namen AISCHU) speziell für Lehrkräfte. Dieses hat zum Ziel, dass LehrerInnen die Inhalte und Methoden, die sie in diesem Programm erlernen, anschließend an ihre SchülerInnen weitergeben können. Eine Studie, für die das Programm getestet wurde, zeigt vielversprechende Ergebnisse: Das Gesamtstressempfinden der Lehrkräfte verringerte sich und auch Sorgen und Anspannung nahmen ab. Wohlbefinden, Achtsamkeit, Präsenz und Akzeptanz nahmen hingegen zu. Zum Schluss gaben alle Befragten an, dass sie die Weiterbildung für sich persönlich als sehr wertvoll empfunden haben. 86% sagten außerdem, dass das kollegiale Miteinander und die Beziehung zur Klasse positiv beeinflusst worden sei. Über 90% der Lehrkräfte berichteten darüber hinaus, dass ihre Fähigkeit zur Entspannung zugenommen habe und dass sie eine positivere Einstellung zu Herausforderungen entwickelt haben [3]. 

Übungen, die in der Schule umgesetzt werden können

Es zeigt sich also, dass es durchaus empfehlenswert sein kann, Achtsamkeitsübungen in den Schulalltag zu integrieren. Geisler und Muttenhammer formulieren in ihrem Buch Achtsamkeitsübungen mit Kindern und Jugendlichen in der Psychotherapie einige Übungen, die für Kinder und Jugendliche besonders gut geeignet sind [2]. Davon wollen wir hier ein paar vorstellen:

Achtsames Fühlen: Pizza-Backen

Diese Übung eignet sich besonders gut für kleinere Kinder, da sie mit einer Geschichte verbunden ist, die in Bewegung umgesetzt wird. Dazu legt sich das Kind entspannt auf den Bauch und kann die Augen schließen. Eine weitere Person (Lehrkraft, MitschülerIn oder auch Elternteil) sitzt daneben und massiert ihm den Rücken. Dabei wird erzählt, wie auf dem Rücken des Kindes eine Pizza gebacken wird. Die Bewegungen werden jedem Schritt der Zubereitung angepasst. Das heißt, wenn zum Beispiel der Teig geknetet wird, wird auch die Rückenmuskulatur geknetet. Wenn die Tomatensoße auf dem Teig verteilt wird, kann sanft über den Rücken des Kindes gestreichelt werden.

Achtsames Gehen: Katze und Elefant

Ebenfalls für kleinere Kinder eignet sich diese Übung, bei der sich alle idealerweise barfuß im Raum verteilen. Dann sollen die Kinder sich umherbewegen, zunächst geschmeidig und leise wie eine Katze. Dazu treten sie zuerst mit den Zehenspitzen auf und Rollen die Füße sanft bis zu den Fersen ab. Dabei nehmen die Kinder ihre Bewegungen, ihre Füße und den Boden unter sich ganz bewusst wahr. Um dann einen Kontrast zu schaffen, sollen die Kinder wie ein Elefant durch den Raum stampfen. Auch dann können sie wieder wahrnehmen, wie sich ihre Fußsohlen danach anfühlen.

Achtsames Atmen: 7/11 Übung

Dabei handelt es sich um eine Übung, die sich auf die Atmung fokussiert und eher mit älteren Kindern und Jugendlichen durchgeführt werden sollte. Zunächst wird der eigene Atemrhythmus unverändert wahrgenommen. Nach einigen Atemzügen zählen die SchülerInnen dann beim Einatmen bis 7 und beim Ausatmen bis 11. Diese Zahlen sind natürlich nur ein Richtwert und können individuell angepasst werden. Wichtig ist allerdings, dass das Ausatmen länger dauert als das Einatmen. Beim Einatmen wird nämlich der Sympathikus (anregender Nerv) und beim Ausatmen der Parasympathikus (beruhigender Nerv) aktiviert. Dadurch hat die Übung eine entspannende Wirkung und bringt die Kinder und Jugendlichen zurück ins Hier und Jetzt.

Achtsamer Umgang mit Gefühlen

Für Jugendliche, die in der Pubertät unter einem Gefühlschaos leiden, bietet sich diese Übung besonders gut an. Dabei geht es darum, die eigenen Gefühle wertfrei wahrzunehmen, sie zu beobachten und zu spüren, wie sie sich auf den Körper auswirken (z.B. durch ein Kribbeln im Bauch, Herzklopfen oder einen Kloß im Hals). Wer sich wohl damit fühlt, kann die Gefühle auch benennen oder versuchen, ihnen eine Farbe zuzuordnen. Die Übung hilft dabei, die eigenen Gefühle als Beobachter wahrzunehmen, ohne sich direkt mit ihnen zu identifizieren. Dadurch lernen die Jugendlichen, wie sie ihre Gefühle ordnen und mit ihnen umgehen können.

Achtsame Körperwahrnehmung: Body-Scan

Abschließend stellt auch der Body-Scan eine geeignete Übung für Jugendliche dar. Beim Body-Scan geht es darum, den gesamten Körper so wahrzunehmen, wie er ist, ohne etwas verändern zu wollen. Er kann im Stehen, Sitzen oder im Liegen ausgeführt werden und die Augen können geöffnet oder geschlossen sein. Das kann jeder für sich selbst entscheiden. Die Hände ruhen dabei im Schoß (Sitzen) oder seitlich neben dem Körper (Liegen). Die SchülerInnen können dann zum Beispiel mit dem linken Fuß beginnen und in Gedanken den gesamten Körper entlang wandern, bis sie an den Haarwurzeln angekommen sind. Die Übung fördert Wachheit und Bewusstheit, trägt aber auch zur Entspannung bei. Sie wäre deshalb ein idealer Start in den Schultag, sowohl für SchülerInnen als auch für LehrerInnen. Falls du mehr darüber lesen möchtest, welche positiven Auswirkungen der Body-Scan auf den Körper haben kann, schau gerne bei unserem Blogartikel Body Scan: Den eigenen Körper achtsam wahrnehmen vorbei.

All diese Übungen setzen natürlich voraus, dass eine Lehrperson vor Ort ist, die die Kinder und Jugendlichen dabei begleitet. Deshalb ist es sinnvoll, Achtsamkeit und Achtsamkeitsvermittlung in die Lehrerausbildung zu integrieren. Wie die oben vorgestellten Studien zeigen, kann Achtsamkeit in der Schule einen positiven Effekt für alle Beteiligten haben. Stress kann vermindert, das Wohlbefinden gesteigert und der Schulalltag dadurch für alle angenehmer gestaltet werden.

 

Geschrieben von Alina

Quellen:

[1] Stauß, J. F. (2012). Achtsamkeit und ihre Bedeutung für das Lernen in der Schule–Unter besonderer Berücksichtigung von Kindern mit Sprachstörungen. Sprachheilpädagogik und Sprachtherapie. Hg.: Grohnfeldt, M Reber, K. Ludwigs-Maximilians-Universität München. Bad Tölz.

[2] Geisler, U., & Muttenhammer, J. (2016). Achtsamkeitsübungen mit Kindern und Jugendlichen in der Psychotherapie. Junfermann Verlag GmbH.

[3] Kraft, J., Kaltwasser, V., & Kohls, N. (2021). Achtsamkeit in der Schule (AISCHU)–Evaluation der Weiterbildung für Lehrkräfte zur Stressreduktion. Prävention und Gesundheitsförderung, 1-7.

[4] Kaltwasser, V. (2012). Achtsamkeit in der Schule. Taijiquan & Qigong Journal, 20-24. 

[5] Kohls, N., & Sauer, S. (2012). Evaluation der Pilotstudie „Achtsamkeit an Schulen “(AISCHU®). Hg. v. GRP-Generation Research Program/Humanwissenschaftliches Zentrum. Ludwigs-Maximilians-Universität München. Bad Tölz.

[6] Hansen J., Klusmann U. & Hanewinkel R. (2020). Stimmungsbild: Lehrergesundheit in der Corona-Pandemie. Befragung zur Lehrergesundheit 2020. IFT-Nord, Kiel.

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